Eine tödliche Tierpandemie steht kurz davor, sich weltweit auszubreiten.
Wissenschaftler haben das hochpathogene aviäre Influenzavirus (HPAIV) offiziell bei mehreren Vogel- und Säugetierarten in der abgelegensten Region unseres Planeten nachgewiesen: der Antarktis. Das eisige Refugium war bislang noch nie von einem derart tödlichen Virusstamm betroffen.
Seit 2021 hat die H5N1-Klade 2.3.4.4b weltweit Bestände von Wildvögeln und Säugetieren dezimiert. Sie breitete sich rasch von Europa nach Nordamerika und weiter bis nach Südamerika aus.
Genetische Untersuchungen des Virus deuten darauf hin, dass es nun beginnt, in die antarktische Region vorzudringen – vermutlich durch Zugvögel, die es nach Süden tragen.
Forschende fürchten diesen Zeitpunkt seit Langem. Prägende Arten der Region, darunter Albatrosse und Pinguine, stehen vor einer existenziellen Krise.
„Die Antarktis und die subantarktischen Inseln verfügen über einzigartige Ökosysteme, die bedeutende Bestände mehrerer Vogel- und Meeressäugerarten beherbergen“, schreiben die Autoren der jüngsten Studie, die auf Daten des British Antarctic Survey (BAS) beruht.
„Krankheitsausbrüche mit hoher Sterblichkeit stellen daher eine erhebliche Bedrohung für bereits gefährdete Seevogelpopulationen dar.“
H5N1-Ausbruch auf Südgeorgien
Begonnen hatte alles am 17. September 2023: BAS-Forschende auf den Südgeorgien-Inseln, die etwa auf halber Strecke zwischen Argentinien und der Antarktis liegen, beobachteten einen Riesensturmvogel, der zuckte und sich nur schwer fortbewegen konnte.
Nach dem Tod des Vogels fraßen Braune Skuas seinen Kadaver. Am 8. Oktober begannen auch sie zu zucken. Zwei Tage später verzeichneten die Forschenden unter nicht brütenden Vögeln auf den Inseln die höchste jemals dokumentierte Zahl an Todesfällen.
Anfang Dezember litten Kolonien Südlicher See-Elefanten und Antarktischer Seebären unter Husten und Atemnot; sie holten kurz und stoßweise Luft.
Zwischen dem 8. Oktober und dem 9. Dezember zählten die Forschenden an acht verschiedenen Standorten rund um die Südgeorgien-Inseln insgesamt 33 Vogelkadaver und 17 Säugetierkadaver. Bei rund 66 Prozent fiel der Test auf HPAIV H5N1 positiv aus.
Auf den nahe gelegenen Falklandinseln, die in der subantarktischen Region näher an Argentinien liegen, wurden zwei weitere Vogelarten positiv auf das Virus getestet, darunter Schwarzbrauenalbatrosse und Südliche Riesensturmvögel.
Antarktis: Sorge um Pinguine und Meeressäuger
Das Virus ist auf dem antarktischen Festland bislang nicht offiziell nachgewiesen worden. Einige Forschende auf der Westhalbinsel gehen jedoch davon aus, dass die Tierpandemie den abgelegenen Kontinent bereits erreicht hat.
Im März 2024 reichte ein internationales Forschungsteam vor der Begutachtung durch Fachkollegen eine Studie zu mutmaßlichen H5N1-Fällen bei Adéliepinguinen und Antarktischen Kormoranen ein – „auf dem bislang südlichsten Breitengrad in der Antarktis“.
Zwischen Dezember 2023 und Januar 2024 wies das Team das Virus an zwei Brutplätzen auf der Antarktischen Halbinsel sowie an der westantarktischen Küste nach.
Sollten sich diese Ergebnisse bestätigen, bliebe Australien der einzige Kontinent ohne diesen Stamm der Vogelgrippe. Auch in der weiteren Region Ozeanien ist bislang keine bekannte Ausbreitung festgestellt worden.
In Südamerika habe sich die anhaltende Tierpandemie als „besonders schwerwiegend“ erwiesen, erklären Banyard und ihre Kollegen. Sie verursache Massensterben bei Vögeln ebenso wie bei Meeressäugern.
Anders als Wildtiere in anderen Weltregionen waren südamerikanische Arten in jüngerer Zeit keinem hochpathogenen aviären Virus ausgesetzt. Bei einigen Arten erreichen die durch die Infektion verursachten Sterblichkeitsraten in den Populationen bis zu 40 Prozent.
Die Tragödie verdeutliche die „weitreichenden ökologischen Auswirkungen von HPAIV und die anhaltende Bedrohung, die es für immunologisch unvorbereitete Wirte darstellt“, so die Autoren.
Für manche isolierten Arten der Antarktis könnte diese Gefahr den endgültigen Untergang bedeuten. Antarktische Seebären auf Bird Island verzeichnen bereits einen starken Bestandsrückgang, während Pinguinkolonien auf dem Festland katastrophale Verluste erleiden.
Eine Pandemie direkt vor ihrer Haustür können diese Vögel und Säugetiere am wenigsten gebrauchen.
Die Studie wurde in Nature Communications veröffentlicht.
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