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Das Massengrab von Jerash und die Justinianische Pest

Archäologin untersucht Skelette in einer Ausgrabungsstätte mit antiken Ruinen im Hintergrund.

Unter einem einstigen römischen Hippodrom in Jordanien geben stumme Knochen wieder Auskunft – und legen eine Gesundheitskrise offen, an die sich fast niemand mehr erinnerte.

Im Untergrund der antiken Stadt Gerasa, dem heutigen Jerash, stiessen Forschende auf ein aussergewöhnliches Massengrab. Dort wurden mehr als 200 Menschen hastig beigesetzt: ohne Rituale und ohne einzelne Grabstätten. DNA-Analysen bringen dieses im Zeitverlauf konservierte Ereignis mit der Justinianischen Pest in Verbindung, die viele Historiker als erste umfassend belegte Pandemie der Geschichte ansehen.

Eine wohlhabende Stadt wird zum Schauplatz einer Katastrophe

Im 6. Jahrhundert war Gerasa eine lebendige Stadt des Byzantinischen Reichs im Gebiet des heutigen Jordanien. Sie lag strategisch günstig an Handelswegen zwischen dem Mittelmeerraum und dem Landesinneren des Nahen Ostens.

Händler brachten Gewürze, Stoffe und Metalle in die Stadt. Soldaten zogen hindurch, Pilger durchquerten die Region. Dieser rege Personenverkehr förderte den Wohlstand Gerasas, schuf aber zugleich einen Weg für etwas Unsichtbares: Infektionskrankheiten.

„Das Massengrab von Jerash liefert eine seltene archäologische Momentaufnahme davon, was es praktisch bedeutet, eine Pandemie ohne Impfstoffe, Antibiotika und ein organisiertes Gesundheitssystem zu erleben.“

Zwischen 541 und 750 n. Chr. trafen wiederkehrende Pestwellen das Byzantinische Reich und angrenzende Gebiete. Diese als Justinianische Pest bekannten Ausbrüche werden in antiken Quellen mit massenhaften Todesfällen, gelähmten Städten und verbreiteter Angst beschrieben. Physische Belege für dieses Ausmass der Zerstörung blieben jedoch rar. Das Grab von Jerash beginnt, diese Lücke zu schliessen.

Das römische Hippodrom von Jerash als Notfriedhof

Das Massengrab kam unter den Überresten des einstigen römischen Hippodroms der Stadt zum Vorschein – einem Ort, der früher Pferderennen und öffentlicher Unterhaltung diente.

Archäologen legten mehr als 200 Leichname frei, die in mehreren Schichten übereinanderlagen: Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder. Niemand erhielt eine herkömmliche Bestattung. Es gibt weder Särge noch eine geordnete Ausrichtung der Toten. Die Körper wurden lediglich schnell übereinandergelegt, als hätte nur gezählt, Häuser und Strassen möglichst rasch zu räumen.

Dieses Muster entspricht keinem gewöhnlichen Friedhof, auf dem Bestattungen über einen längeren Zeitraum verteilt stattfinden. Vielmehr deutet es auf ein plötzliches Ereignis von wenigen Tagen oder Wochen hin, bei dem die Sterblichkeit so stark anstieg, dass übliche Bestattungsriten nicht mehr umsetzbar waren.

  • Keine individuell gekennzeichneten Gräber
  • Dichte, ungeordnete Bestattungsschichten
  • Menschen verschiedener Altersgruppen und Geschlechter im selben Bereich
  • Nutzung eines ursprünglich für Freizeit statt für Bestattungsriten vorgesehenen Ortes

Für Fachleute weist diese Kombination von Merkmalen auf eine Notfallreaktion auf einen verheerenden Ausbruch hin. Angesichts der hohen Zahl an Toten wählte die Bevölkerung einen grossen verfügbaren Platz und bestattete alle dort so schnell wie möglich.

Genetischer Nachweis: die Signatur der Beulenpest

Den entscheidenden Fortschritt brachte die Molekularbiologie. Den Opfern wurden mehrere Zähne entnommen und einer Analyse alter DNA unterzogen. Die in einer internationalen Fachzeitschrift veröffentlichten Ergebnisse belegten Yersinia pestis, das Bakterium, das die Beulenpest verursacht.

„Der Nachweis von Yersinia pestis in den Überresten von Jerash verbindet dieses Massengrab unmittelbar mit den Wellen der Justinianischen Pest, die das Mittelmeergebiet zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert erreichten.“

Die Beulenpest wird vor allem durch infizierte Flöhe übertragen, die üblicherweise mit Nagetieren verbunden sind. In dicht besiedelten Städten mit mangelhafter Hygiene und Getreidelagern waren die Voraussetzungen für eine Vermehrung des Bakteriums besonders günstig.

Die Wissenschaftler untersuchten zudem Isotope in den Zähnen, die Hinweise auf die geografische Herkunft der Menschen geben können. Das Ergebnis überraschte: Unter den Opfern bestand eine grosse biologische Vielfalt.

Damit wird deutlich, dass im Grab nicht nur Ortsansässige liegen. Menschen aus Regionen mit anderen Böden und Wasserquellen kamen nach Jerash, bevor sie starben. Das passt zum Bild einer Stadt an Fernhandelsrouten, die Reisende, Händler und Militärangehörige empfing.

Mobilität, Handel und Krankheiten: eine vertraute Verbindung

Je intensiver Menschen unterwegs sind, desto wahrscheinlicher reist ein Krankheitserreger mit ihnen. Im 6. Jahrhundert verwendete niemand den Begriff „Globalisierung“, doch faktisch bestand bereits ein vernetztes System aus Häfen, Strassen und Märkten. Die Pest nutzte genau diese Verbindungen.

Die Deutung der Forschenden ist eindeutig: Das Massengrab von Jerash belegt keinen isolierten lokalen Ausbruch, sondern einen Höhepunkt der Sterblichkeit innerhalb eines regionalen, möglicherweise sogar interkontinentalen Geschehens.

Die sozialen Folgen einer antiken Pandemie

Das Grab von Jerash erzählt nicht nur von Bakterien. Es zeigt auch, wie eine Gesellschaft handelt, wenn die Zahl der Toten ihre Bewältigungskapazitäten übersteigt.

Ein Hippodrom in ein provisorisches Bestattungsfeld umzuwandeln bedeutete, Regeln, Traditionen und etablierte Nutzungen des städtischen Raums aufzugeben. Orte für Feste und Schauspiele wurden zu Orten der Stille und Angst.

„Die Archäologie zeigt, dass Pandemien verändern, wie Städte genutzt werden, wie Menschen mit dem Körper umgehen und wie sie dem Tod begegnen.“

Forschende sehen Parallelen zu den Erfahrungen während der Covid-19-Pandemie: eingeschränkte Beerdigungen, überfüllte Krankenhäuser, teilweise stillstehende Städte und kontrollierte Grenzen. In Jerash gab es weder Beatmungsgeräte noch Tests, doch die Logik von Dringlichkeit und Improvisation scheint vergleichbar gewesen zu sein.

Was das Massengrab von Jerash über städtische Verwundbarkeiten lehrt

Durch die Verknüpfung archäologischer, genetischer und historischer Daten können Wissenschaftler ein Krisenszenario rekonstruieren, das heutige Herausforderungen widerspiegelt. Einige Erkenntnisse stechen hervor:

  • Städte an Handelsrouten verbreiten Krankheiten schnell.
  • Eine hohe Bevölkerungsdichte begünstigt die Übertragung von Krankheitserregern.
  • Sterblichkeitsspitzen setzen Bestattungs- und Gesundheitssysteme unter Druck.
  • Angst und Unsicherheit beschleunigen Entscheidungen über die Notnutzung urbaner Flächen.

Diese in Jerash sichtbaren Faktoren kehren bei modernen Pandemien wieder. Dadurch wird die Archäologie zu einem nützlichen Feld für Überlegungen zu öffentlicher Prävention und Reaktion.

Begriffe und Konzepte, die eine genauere Betrachtung verdienen

Zwei Konzepte helfen dabei, den Fall Jerash besser einzuordnen.

Justinianische Pest: So werden die Wellen der Beulenpest bezeichnet, die das Byzantinische Reich ab der Herrschaft Kaiser Justinians im Jahr 541 n. Chr. trafen. Zeitgenössische Chronisten schildern betroffene ganze Städte und langfristige wirtschaftliche Folgen. Aktuelle Schätzungen gehen über zwei Jahrhunderte von mehreren zehn Millionen Todesfällen aus, auch wenn diese Zahlen weiterhin umstritten sind.

Alte DNA: Darunter versteht man genetisches Material, das über Hunderte oder Tausende Jahre in Knochen und Zähnen erhalten blieb. Mithilfe moderner Sequenzierungstechniken können Labore Krankheitserreger, Verwandtschaftsverhältnisse, geografische Herkunft und sogar Merkmale der Ernährung bestimmen. Im Fall von Jerash war alte DNA entscheidend, um die Todesfälle direkt mit Yersinia pestis zu verknüpfen.

Szenarien, die diese Entdeckung greifbar macht

Das Massengrab von Jerash erlaubt es, auf Grundlage realer Daten nachzuvollziehen, wie eine mittelgrosse Stadt auf den Schock einer Pandemie ohne Antibiotika reagieren könnte.

Man kann sich stille Strassen, leere Märkte, umgeleitete Karawanen und improvisiert geschlossene lokale Grenzen vorstellen. Religiöse Führer und zivile Behörden dürften darüber beraten haben, wie sich Glaube, Angst und die Notwendigkeit eines gewissen wirtschaftlichen Betriebs miteinander vereinbaren liessen.

Für Forschende im Bereich Public Health liefert eine solche historische Rekonstruktion Hinweise auf wiederkehrende menschliche Verhaltensweisen bei schweren Ausbrüchen. Angst vor Fremden, Gerüchte über den Ursprung einer Krankheit und die Notnutzung öffentlicher Räume treten in verschiedenen Epochen immer wieder auf.

Gegenwärtige Risiken und die Erinnerung an alte Pandemien

Die Handelswege von heute sind schneller: Flugzeuge überqueren Kontinente innerhalb weniger Stunden, und Krankheiten können Grenzen in einem Tempo passieren, das im 6. Jahrhundert undenkbar war. Gleichzeitig verfügt die Wissenschaft über Werkzeuge, die es in Jerash nicht gab: Antibiotika, Impfstoffe, epidemiologische Überwachung und Kommunikation in Echtzeit.

Das Zusammenspiel aus hoher Vernetzung, Klimawandel, Städtewachstum und Druck auf Ökosysteme begünstigt das Auftreten neuer Krankheitserreger oder die Rückkehr alter Bekannter. Fälle wie das Massengrab von Jerash wirken als ferner Spiegel und erinnern daran, dass die Verbindung zwischen Handel, Mobilität und Infektionsausbrüchen weit zurückreicht.

„Die Geschichte der ersten grossen dokumentierten Pandemie ist nicht nur eine akademische Kuriosität. Sie ist eine leise Warnung davor, wie heutige Städte in anderem Massstab Dilemmata wiederholen könnten, die vor fast 1.500 Jahren erlebt wurden.“

Indem die Archäologie DNA-Spuren unter einem zerstörten Hippodrom verfolgt, macht sie verständlich, dass Pandemien keine isolierten Zufälle sind. Sie gehören vielmehr zu einem längerfristigen Muster der Wechselwirkung zwischen Menschen, Tieren, Bakterien und sozialen Strukturen. Das Massengrab von Jerash verwandelt eine vergessene Krise damit in eine konkrete Lernquelle für die kommenden Jahrzehnte.

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