Schmerzen an der Wirbelsäule sind für viele Menschen eine tägliche Belastung: Sie können die Beweglichkeit einschränken, einfache Alltagstätigkeiten erschweren und die Lebensqualität mindern. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Kreuzschmerz weltweit die häufigste Ursache für Behinderungen – ein Hinweis auf das Ausmaß dieses Gesundheitsproblems.
Laut Prof. Dr. Laudelino Risso, Physiotherapeut und Osteopath des Kliniknetzwerks Doutor Hérnia, können Beschwerden der Wirbelsäule verschiedene Körpersysteme betreffen. Sie gehen häufig mit veränderten Bewegungsmustern, nachlassender Muskelkraft, Überlastungen und funktionellen Ungleichgewichten einher.
„Wirbelsäulenbedingte Bandscheibenerkrankungen sind multisystemischer Natur. Wir dürfen nicht nur die Bandscheibe oder das Skelettsystem betrachten. Bewegungsmuster, Muskulatur, Körperhaltung und weitere Faktoren, die das Gleichgewicht des Organismus beeinflussen, müssen ebenfalls beurteilt werden“, erläutert er.
Kürzlich hat der Bundesrat für Medizin (CFM) die Anwendung von plättchenreichem Plasma (PRP) für bestimmte muskuloskelettale Erkrankungen geregelt, darunter die lumbale Bandscheibenerkrankung. Bei dieser Methode wird eine aus dem Eigenblut der Patientin oder des Patienten gewonnene Thrombozytenkonzentration eingesetzt. Ihr Potenzial zur Unterstützung der Gewebereparatur wird derzeit untersucht.
Die Regelung erweitert die therapeutischen Möglichkeiten. Allerdings bedeutet es nicht zwangsläufig, dass sämtliche Faktoren des Problems behoben sind, wenn Schmerzen nachlassen oder eine verletzte Struktur behandelt wurde. Im Genesungsprozess müssen auch Belastungen berücksichtigt werden, die weiterhin auf die Wirbelsäule einwirken können. Der Experte nennt 5 wichtige Maßnahmen.
1. Schmerzlinderung nicht mit Genesung verwechseln
Weniger Schmerzen sind ein wichtiger Fortschritt, bedeuten aber nicht automatisch, dass die Funktion der Wirbelsäule vollständig wiederhergestellt ist. Symptome können sich bessern, während Bewegungsstörungen, Muskelschwäche oder ausgleichende Fehlbewegungen bestehen bleiben und Überlastungen begünstigen. „Die Rehabilitation hilft dabei, diese Faktoren zu erkennen und daran zu arbeiten, damit der Körper seine Aktivitäten wieder mit mehr Stabilität und einer besseren Bewegungsqualität ausführen kann“, erklärt der Physiotherapeut.
2. Bewegungsmuster wiederherstellen
Schmerzen und körperliche Einschränkungen können die Art verändern, wie sich ein Mensch bewegt. Mit der Zeit entwickelt der Körper möglicherweise Ausweichbewegungen, um bestimmte Bewegungen zu vermeiden oder Beschwerden zu reduzieren. Nach Einschätzung von Prof. Dr. Laudelino Risso ist es entscheidend, die Bewegungsachsen wiederherzustellen und Veränderungen zu korrigieren, die die Funktion der Wirbelsäule weiterhin beeinträchtigen könnten. Die Physiotherapie spielt bei dieser funktionellen Wiederherstellung eine wichtige Rolle.
3. Muskulatur gezielt kräftigen
Auch die muskuläre Kräftigung ist ein zentraler Baustein der Rehabilitation. Die Muskulatur trägt zur Stabilität der Wirbelsäule bei und muss auf die Belastungen sowie Bewegungen des Alltags vorbereitet sein. Das Training sollte die individuellen Bedürfnisse und Einschränkungen jeder Patientin und jedes Patienten berücksichtigen. Dabei geht es nicht allein um mehr Kraft, sondern ebenso um Stabilität und eine bessere Bewegungskontrolle.
4. Nach dem Abklingen der Schmerzen nicht zu alten Gewohnheiten zurückkehren
Ein häufiger Fehler besteht darin, das Verschwinden oder Nachlassen der Schmerzen als Zeichen einer vollständigen Lösung zu deuten und ohne Anpassungen zur bisherigen Routine zurückzukehren. Damit bleiben Faktoren bestehen, die zu den Beschwerden beigetragen haben. „Wenn das primäre Problem im Organismus des Patienten weiterhin geschwächt ist, kann die behandelte Bandscheibe erneut Veränderungen erleiden“, warnt der Physiotherapeut. Um neuen Beschwerden vorzubeugen, müssen daher Überlastungen erkannt und Gewohnheiten verändert werden, die der Wirbelsäule schaden können.
5. Den Organismus ganzheitlich berücksichtigen
Die Genesung hängt nicht ausschließlich von der Struktur ab, an der das Problem aufgetreten ist. Auch körperliche Fitness, Ernährung, Kontrolle des Körpergewichts, Muskulatur und Lebensstil können den Verlauf beeinflussen.
Für Prof. Dr. Laudelino Risso sollte die Behandlung auf ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Systemen ausgerichtet sein. „Die beste Behandlung besteht darin, die Schwachstellen der Systeme zu finden und die primären Gleichgewichte herzustellen, wobei die Kommunikationswege zwischen der Wirbelsäule, dem Muskelsystem, dem Nervensystem und auch den Bandscheibenfunktionen berücksichtigt werden“, erklärt er.
Die Genesung der Wirbelsäule geht über Schmerzlinderung hinaus
Neue therapeutische Möglichkeiten sind wichtige Fortschritte und können Teil der Versorgung bestimmter Patientinnen und Patienten sein. Dennoch endet die Genesung der Wirbelsäule nicht, sobald die Schmerzen zurückgehen. „Das Ziel ist, den Organismus wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Deshalb bleiben Kräftigung, Physiotherapie und Veränderungen, die auf die Bedingungen einwirken, welche zum Problem beigetragen haben, von grundlegender Bedeutung“, schließt der Experte.
Von Renata Sbrissa
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