Eine umstrittene wissenschaftliche Arbeit, die behauptete, das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat unter dem Markennamen Roundup „stelle kein Gesundheitsrisiko für Menschen dar“, ist 25 Jahre nach ihrer Veröffentlichung offiziell zurückgezogen worden. Anlass sind schwerwiegende ethische Bedenken hinsichtlich einer Manipulation durch die Industrie.
Der Schritt erfolgt acht Jahre nachdem ein Gerichtsverfahren 2017 ergab, dass Beschäftigte des Chemiekonzerns Monsanto am Ghostwriting der Sicherheitsbewertung des Herbizids beteiligt waren.
Die nun zurückgezogene Veröffentlichung kam zu dem Ergebnis, es gebe keine Hinweise darauf, dass Roundup Krebs verursache, das Hormonsystem störe oder für Menschen giftig sei. Sie zählt zu den meistzitierten wissenschaftlichen Arbeiten über Glyphosat.
Die Studie erschien im Jahr 2000 in Regulatory Toxicology and Pharmacology und wurde von Gary Williams, Robert Kroes und Ian Munro verfasst.
Dass ihre Ergebnisse nun widerrufen wurden, wirft ernste Fragen zur Sicherheit von Roundup auf.
Monsanto brachte Roundup 1974 auf den Markt; 2018 übernahm Bayer das Herbizid. Bayer hält weiterhin daran fest, dass der Stoff bei vorschriftsgemäßer Anwendung sicher sei.
Rückzug der Glyphosat-Studie zu Roundup
„Der Rückzug beruht auf mehreren zentralen Problemen, die als Beeinträchtigung der wissenschaftlichen Integrität dieses Artikels und seiner Schlussfolgerungen angesehen werden“, schreibt der Co-Chefredakteur der Fachzeitschrift, Martin van den Berg, in einer im November 2025 veröffentlichten Rückzugsmitteilung. Bei dem Versuch, Williams als einzigen noch lebenden Autor der Arbeit zu erreichen, erhielt van den Berg keine Antwort.
„Dieser Artikel wurde weithin als eine Schlüsselarbeit in der Debatte über die krebserzeugende Wirkung von Glyphosat und Roundup betrachtet“, schreibt van den Berg.
„Die Unklarheit darüber, welche Teile des Artikels von Monsanto-Beschäftigten verfasst wurden, schafft jedoch Zweifel an der Integrität der gezogenen Schlussfolgerungen.“
Zu diesen „zentralen Problemen“ gehört, dass die Bewertungen des Beitrags der Chemikalie zu Krebs und Genotoxizität ausschließlich auf unveröffentlichten Monsanto-Studien beruhten. Zahlreiche weitere Langzeitstudien, die zum Zeitpunkt der Abfassung der Übersichtsarbeit bereits abgeschlossen waren, blieben dagegen unberücksichtigt.
Die fehlende Unabhängigkeit der Autorenschaft „wirft ernste ethische Bedenken hinsichtlich der Unabhängigkeit und Rechenschaftspflicht der Autoren dieses Artikels auf“, erklärt van den Berg in der Rückzugsmitteilung. Zudem nennt er die nicht offengelegte Beteiligung von Monsanto-Mitarbeitenden sowie finanzielle Vergütungen, die die Autoren möglicherweise vom Unternehmen erhielten.
Einsatz von Glyphosat in der Landwirtschaft
Glyphosat gehört weltweit zu den am häufigsten eingesetzten Herbiziden. Es wird sowohl von Landwirtschaftsbetrieben im industriellen Maßstab als auch von Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtnern gekauft, um unerwünschte Pflanzen zu beseitigen.
In der Landwirtschaft wurde der Wirkstoff zusammen mit sogenannten „Roundup Ready“-Kulturen verkauft: gentechnisch veränderten Pflanzen, die die Wirkung von Glyphosat überstehen. Dazu zählen derzeit Soja, Mais, Raps, Zuckerrüben, Baumwolle und Luzerne.
Durch die genetische Veränderung können Landwirte Glyphosat großflächig auf Felder ausbringen. Dadurch werden alle Pflanzen ohne eingebaute Resistenz abgetötet, während die Nutzpflanzen erhalten bleiben.
Zunehmend wird über die Auswirkungen des Stoffes auf die menschliche Gesundheit diskutiert – ebenso über die weitreichenden Folgen für weitere Bestandteile natürlicher und vom Menschen geprägter Ökosysteme.
Reichweite der zurückgezogenen Arbeit
Die Harvard-Wissenschaftlerin Naomi Oreskes stellte fest, dass die nun zurückgezogene Studie in mehr als 800 wissenschaftlichen Publikationen, Dutzenden Regierungsdokumenten und mehreren Wikipedia-Artikeln zitiert wird. Wie sie hervorhebt, stützen sich inzwischen auch viele große Sprachmodelle auf Wikipedia als Informationsquelle.
2015 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation Glyphosat vor allem auf Grundlage von Tierversuchen als wahrscheinlich krebserregend ein. Andere Gesundheitsbehörden und Organisationen widersprechen dieser Einschätzung jedoch.
Um festzustellen, ob Glyphosat tatsächlich ein Risiko für Menschen darstellt, sind sorgfältige und wirklich unabhängige Forschungsarbeiten erforderlich.
Bayer hat bislang 10 Milliarden US-Dollar für Klagen gezahlt, die 2020 wegen der möglichen krebserzeugenden Wirkung von Roundup anhängig waren. Mehr als 67.000 weitere Verfahren stehen noch aus.
Die Rückzugsmitteilung und die ursprüngliche Arbeit wurden in Regulatory Toxicology and Pharmacology veröffentlicht. Die Untersuchung zu den Auswirkungen der zurückgezogenen Arbeit erschien in Science.
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