Kreative Erfahrungen könnten die Gesundheit des Gehirns fördern und dadurch dessen Alterung verlangsamen. Darauf deutet eine Studie eines internationalen Forschungsteams aus 13 Ländern hin.
Die Forschenden stellten fest, dass kreative Tätigkeiten – etwa Tanzkurse, wobei insbesondere Tango wirksam war, Kunstunterricht, Musikstunden oder ein Hobby wie Gaming – eine positive Wirkung auf eine künstliche Intelligenz (KI) gestützte „Gehirnuhr“ hatten.
Je intensiver die Teilnehmenden ihre jeweilige Kunstform ausübten, desto „jünger“ zeigte sich ihre Gehirnuhr.
Wir haben die leitenden Forschenden, die Neurowissenschaftler Carlos Coronel und Agustín Ibáñez, gebeten, ihre Studie zu erläutern.
Was bedeutet Gehirngesundheit?
Gehirngesundheit bezeichnet einen Zustand kognitiver, emotionaler und sozialer Funktionsfähigkeit, der Menschen in die Lage versetzt, ihr Potenzial auszuschöpfen, ihr Wohlbefinden zu bewahren und sich im Verlauf ihres Lebens an Veränderungen anzupassen.
Sie wird nicht allein dadurch bestimmt, dass keine Krankheit vorliegt. Entscheidend ist vielmehr, ob das Gehirn eine effiziente, belastbare und integrierte Aktivität aufrechterhalten kann, die den Alltag unterstützt.
Unter Gehirnalterung versteht man die biologischen und funktionellen Veränderungen, die sich im Gehirn mit der Zeit vollziehen. Dazu gehören Veränderungen der Struktur, der Vernetzung und des Stoffwechsels, die die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen können, aber nicht zwangsläufig müssen.
Ein gewisser Abbau ist zwar natürlich, doch Tempo und Muster dieser Veränderungen unterscheiden sich stark von Mensch zu Mensch. Sie spiegeln sowohl Anfälligkeit als auch Widerstandsfähigkeit wider.
„Gehirnuhren“ sind Modelle des maschinellen Lernens (KI), die anhand von Hirnscans oder Mustern neuronaler Aktivität abschätzen sollen, wie alt ein Gehirn wirkt. Sie vergleichen neurobildgebende, elektrophysiologische oder neuromolekulare Daten mit typischen Hirnmustern über die gesamte Lebensspanne hinweg.
Mithilfe einer Gehirnuhr lässt sich daher untersuchen, was ein Gehirn widerstandsfähiger macht und welche Faktoren seine Alterung beschleunigen.
Was wollten Sie herausfinden?
Wir wollten klären, ob Kreativität nicht nur Freude bereitet oder emotional erfüllend ist, sondern dem Gehirn tatsächlich biologisch guttut. Zwar gibt es zunehmend Hinweise darauf, dass die Beschäftigung mit Kunst das Wohlbefinden stärkt, doch bislang fehlt ein solides Verständnis dafür, wie Kreativität die Gehirngesundheit prägen könnte.
Viele Menschen gehen davon aus, dass Kunst zu rätselhaft und zu schwer fassbar sei, um sie wissenschaftlich zu erforschen oder um biologische Veränderungen hervorzurufen. Beide Annahmen wollten wir infrage stellen.
Lassen sich kreative Erfahrungen, die sich freudvoll und zutiefst menschlich anfühlen, auch im Gehirn messen? Können sie die Gehirnalterung ähnlich verzögern, wie körperliche Bewegung dem Körper hilft?
Unsere Studie prüfte, ob Kreativität die Gehirnuhr beeinflussen könnte. Zeigt Ihre Gehirnuhr ein jüngeres Alter als Ihr tatsächliches Alter an, bedeutet dies, dass Ihr Gehirn effizienter arbeitet als erwartet.
Wie sind Sie vorgegangen?
Wir erhoben Daten von fast 1.400 Menschen aus verschiedenen Ländern. Zu ihnen gehörten professionelle Tango-Tänzerinnen und -Tänzer, Musikerinnen und Musiker, bildende Künstlerinnen und Künstler sowie Gamerinnen und Gamer. Als Vergleichsgruppe dienten Nichtfachleute aus denselben Ländern, die hinsichtlich Alter, Bildung und Geschlecht passend ausgewählt wurden. Diese Personen hatten zuvor keinerlei Erfahrung in den jeweiligen Disziplinen.
Ihre Hirnaktivität zeichneten wir mit Magnetenzephalografie und Elektroenzephalografie auf. Mit diesen Verfahren lässt sich die Aktivität des Gehirns in Echtzeit messen. Anschließend trainierten wir Computermodelle, also Modelle des maschinellen Lernens, um für jede teilnehmende Person eine Gehirnuhr zu erstellen.
Die Modelle lassen sich in weniger als einer Stunde trainieren. Die eigentliche Herausforderung bestand darin, die Daten von Hunderten Teilnehmenden zusammenzutragen – von Argentinien bis Polen. Ohne die Zusammenarbeit zahlreicher Forschender und Institute weltweit wäre das nicht möglich gewesen.
Anschließend nutzten wir die Gehirnuhren, um anhand der Daten das Alter jeder Person vorherzusagen. Lag das geschätzte Gehirnalter unter dem tatsächlichen Alter, deutete dies darauf hin, dass das Gehirn langsamer alterte.
Zum Schluss setzten wir das sogenannte biophysikalische Modellieren ein. Bei diesen Modellen handelt es sich um „digitale Gehirne“, mit deren Hilfe wir die biologischen Grundlagen der Kreativität untersuchten.
Das Problem bei den Modellen des maschinellen Lernens, den „Gehirnuhren“, besteht darin, dass sie zwar Datenmuster erkennen und daraus Vorhersagen ableiten können, reale Hirnaktivität jedoch nicht nachbilden.
Biophysikalische Modelle sind dagegen „reale“ Gehirne in einer digitalen Welt – also gespiegelte Abbilder des Gehirns in einem Computer. Sie verwenden detaillierte biologische und physikalische Regeln, um zu simulieren, wie ein Gehirn funktioniert. Es handelt sich somit nicht um KI-Modelle, sondern um „generative Modelle“, die Hirnaktivität tatsächlich mithilfe mathematischer Gleichungen erzeugen können.
Während Gehirnuhren die Gehirngesundheit messen können – also eine beschleunigte oder verzögerte Gehirnalterung –, können biophysikalische Modelle erklären, warum Kreativität mit besserer Gehirngesundheit verbunden ist.
Was hat die Studie zu Kreativität und Gehirnalterung ergeben?
In sämtlichen kreativen Bereichen zeigte sich ein auffallend einheitliches Muster: Kreativität war mit einem jünger wirkenden Gehirn verknüpft.
Bei Tango-Tänzerinnen und -Tänzern wirkte das Gehirn mehr als sieben Jahre jünger als ihr tatsächliches Alter. Bei Musikerinnen und Musikern sowie bildenden Künstlerinnen und Künstlern lag der Unterschied bei etwa fünf bis sechs Jahren. Bei Gamerinnen und Gamern betrug er ungefähr vier Jahre.
Zusätzlich führten wir ein kleineres Experiment durch: Nichtfachleute trainierten lediglich 30 Stunden mit dem Strategie-Videospiel StarCraft II. Damit wollten wir prüfen, ob auch kurzfristiges kreatives Lernen vergleichbare Effekte haben kann.
Selbst in diesem kurzfristigen Experiment gingen die Gehirnuhren der Teilnehmenden nach nur 30 Stunden kreativem Training zurück: Das Gehirnalter verringerte sich um zwei bis drei Jahre.
Je mehr Menschen ihre Kunstform ausübten, desto ausgeprägter war der Effekt. Dabei spielte es keine Rolle, um welche Kunstform es sich handelte. Tanzen, Malen, Musik oder Gaming: Alle diese Tätigkeiten unterstützten wichtige Hirnregionen dabei, besser zusammenzuarbeiten.
Diese für Konzentration und Lernen bedeutsamen Bereiche altern üblicherweise zuerst. Kreativität scheint ihre Verbindungen jedoch stärker und flexibler zu erhalten.
Wie wir feststellten, schützt Kreativität Hirnbereiche, die besonders anfällig für Alterung sind, und macht die Kommunikation im Gehirn effizienter – ähnlich wie der Bau zusätzlicher, breiterer und hochwertigerer Straßen die Verbindung zwischen Städten eines Landes verbessert.
Warum ist das wichtig?
Kunst und Wissenschaft werden oft als Gegensätze betrachtet, sind aber tatsächlich Verbündete. Kreativität prägt nicht nur die Kultur, sondern auch die Biologie. Unsere Studie versteht Kreativität neu: nicht nur als kulturelles oder psychologisches Phänomen, sondern als biologischen Weg zu Gehirngesundheit und Widerstandsfähigkeit.
Indem die Forschung zeigt, dass künstlerische Aktivitäten die Gehirnalterung verzögern können, hilft sie dabei, die Bedeutung von Kreativität für Bildung, öffentliche Gesundheit und alternde Gesellschaften neu zu denken.
Im größeren Zusammenhang erweitert sie unser Verständnis von gesundem Altern über die reine Krankheitsprävention hinaus. Sie hebt Kreativität als skalierbaren, zugänglichen und zutiefst menschlichen Mechanismus hervor, der kognitives und emotionales Wohlbefinden in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und über die gesamte Lebensspanne hinweg erhalten kann.
Falls Sie sich also fragen, ob Kreativität „gut für Sie“ ist, lautet die Antwort offenbar „ja“. Wissenschaftlich, messbar und auf wunderbare Weise. Ihr nächster Tanzschritt, Pinselstrich oder Musikton könnte Ihrem Gehirn helfen, ein wenig jünger zu bleiben.
Carlos Coronel, Postdoktorand, Latin American Brain Health Institute, Universidad Adolfo Ibáñez, und Agustín Ibáñez, Professor für globale Gehirngesundheit am GBHI, Trinity College
Dieser Artikel wird unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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