Jahrelang schien die Sache eindeutig: Cannabis senkt bei Männern den Testosteronspiegel. Diese Annahme beruhte auf früher Forschung, darunter einer kleinen Studie aus dem Jahr 1974 mit lediglich 20 Männern.
Diese Botschaft hielt sich, obwohl spätere Untersuchungen nicht immer zu demselben Ergebnis kamen. Neue Forschungsergebnisse deuten nun darauf hin, dass die Zusammenhänge komplexer sind.
Ein Schweizer Forschungsteam untersuchte junge Männer und erfasste gleichzeitig 70 Steroidhormone. Dadurch erhielten die Forschenden einen deutlich umfassenderen Einblick in das männliche Hormonsystem als frühere Studien.
Die Ergebnisse stellen die bisherige Annahme infrage, wonach Cannabis Testosteron schlicht verringert.
Stattdessen zeigte die Untersuchung, dass Cannabisnutzer höhere Werte einiger wichtiger männlicher Hormone aufwiesen, während andere Hormonwege weitgehend unverändert blieben.
Frühe Forschung übersah die Komplexität
Über viele Jahrzehnte richtete sich der Forschungsfokus vor allem auf Testosteron. Dadurch blieb das Gesamtbild zu eingeschränkt.
Einige Studien stellten bei Cannabisnutzern niedrigere Testosteronwerte fest. Andere fanden keine Veränderung. Mehrere grössere neuere Untersuchungen berichteten sogar über höhere Testosteronwerte bei Nutzern.
Diese widersprüchlichen Befunde könnten damit zusammenhängen, dass Testosteron nur ein Bestandteil eines wesentlich grösseren hormonellen Netzwerks ist. Die Betrachtung eines einzelnen Hormons kann das gesamte System nicht erklären.
Dutzende Hormone untersucht
Das Schweizer Team untersuchte 94 junge Männer im Alter von 18 bis 23 Jahren. Darunter befanden sich 47 bestätigte Cannabisnutzer und 47 passend zugeordnete Nichtnutzer.
Die Forschenden stützten sich nicht ausschliesslich auf die Angaben der Teilnehmer. Sie analysierten Blutproben auf THC und THC-COOH, um festzustellen, wer in jüngerer Zeit Cannabis konsumiert hatte.
Anschliessend bestimmten sie 70 Steroidhormone mithilfe einer hochsensiblen Labormethode, der Flüssigchromatographie-Tandem-Massenspektrometrie.
So konnten sie erkennen, an welchen Stellen Cannabis das Hormonsystem möglicherweise beeinflusst.
Bei Cannabisnutzern stieg Testosteron
Die Studie ergab, dass Cannabisnutzer signifikant höhere Testosteronwerte hatten als Nichtnutzer. Im Durchschnitt lag der Testosteronspiegel etwa 23 % höher.
Auch die Konzentration von Androstendion war bei den Nutzern erhöht. Dieses Hormon unterstützt den Körper bei der Bildung von Testosteron.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Cannabiskonsum bei jungen Männern zu einem Anstieg des Testosterons um etwa 23 % führen würde“, sagte Professor Serge Rudaz, der die Studie an der Fakultät für Naturwissenschaften der UNIGE leitete.
„Durch die genauere Betrachtung aller männlichen Sexualhormone – der Androgene – konnten wir die Quelle dieses Anstiegs gezielt in den Hoden ausmachen. Die von den Nebennieren produzierten Androgene waren von diesem Anstieg nicht betroffen.“
Das ist bedeutsam, weil es darauf hindeutet, dass die Veränderung möglicherweise von den Hoden ausgeht und nicht vom gesamten Hormonsystem.
Auch ein Sexualhormon nahm zu
Die Forschenden stellten zudem höhere Werte von DHT fest, der Abkürzung für Dihydrotestosteron.
DHT ist ein stark wirksames männliches Sexualhormon. Es kann stärkere Auswirkungen auf den Körper haben als Testosteron, da es fester an Hormonrezeptoren bindet.
Weil Testosteron, Androstendion und DHT gemeinsam anstiegen, gehen die Forschenden davon aus, dass Cannabis die Hormonproduktion in den Hoden beeinflussen könnte.
Kein Einfluss auf Nebennierenhormone
Der Körper bildet einige Androgene auch in den Nebennieren, die oberhalb der Nieren liegen.
Würde Cannabis sämtliche männlichen Hormone im Körper erhöhen, müssten vermutlich auch diese Nebennierenhormone ansteigen. Das war jedoch nicht der Fall.
Bei den in der Studie gemessenen Nebennierenandrogenen zeigte sich kein wesentlicher Unterschied zwischen Cannabisnutzern und Nichtnutzern. Das half den Forschenden, den Effekt auf die Hoden einzugrenzen.
Eine mögliche Erklärung betrifft die Leydig-Zellen. Dabei handelt es sich um Zellen in den Hoden, die Testosteron produzieren. Sie besitzen ausserdem Cannabinoid-Rezeptoren, die mit Substanzen aus Cannabis interagieren können.
Zwei Hormone fielen besonders auf
Von allen 70 Hormonen zeigten zwei unerwartete Verbindungen die deutlichsten Veränderungen.
Beide entstehen aus Progesteron, einem Hormon, das häufig mit der weiblichen Fortpflanzungsgesundheit in Verbindung gebracht wird, aber auch bei Männern vorkommt.
Dabei handelte es sich um 5beta-Dihydroprogesteron und 11beta-Hydroxyprogesteron. Beide Werte waren bei Cannabisnutzern deutlich höher.
Welche Funktion diese beiden Hormone bei erwachsenen Männern genau haben, ist bislang nicht bekannt. Der starke Zusammenhang mit Cannabiskonsum macht sie jedoch zu wichtigen Forschungsobjekten.
Einige Marker spiegelten den Konsum wider
„Es handelt sich um zwei Metaboliten, die von Progesteron abgeleitet sind, einem weiteren wichtigen Sexualhormon“, sagte Mathieu Galmiche, Erstautor der Studie und ehemaliger Postdoktorand an der UNIGE.
„Der Konzentrationsanstieg bei Nutzern ist so deutlich, dass sie zur Überwachung endokriner Störungen im Zusammenhang mit regelmässiger Cannabisexposition eingesetzt werden könnten.“
„Vor allem sollte diese Entdeckung die wissenschaftliche Gemeinschaft dazu anregen, Untersuchungen auf neue Hormone auszuweiten, die bislang übersehen wurden und möglicherweise ebenfalls eine Rolle im männlichen Fortpflanzungssystem spielen.“
Die beiden Verbindungen könnten Forschenden unterschiedliche Hinweise liefern. 11beta-Hydroxyprogesteron schien die Cannabisexposition allgemein anzuzeigen. Bei Nutzern war der Wert höher, nahm bei häufigen Konsumenten jedoch nicht wesentlich weiter zu.
5beta-Dihydroprogesteron erschien stärker mit der konsumierten Cannabismenge verbunden. Bei chronischen Nutzern war der Wert erhöht und stieg mit den THC-Konzentrationen im Blut.
Der Signalweg im Gehirn bleibt unklar
Die Forschenden untersuchten auch den Hormonweg, der Gehirn und Hoden miteinander verbindet. Dieses System trägt zur Steuerung der Testosteronproduktion bei.
Zwei zentrale Hormone dieses Signalwegs sind das luteinisierende Hormon und das follikelstimulierende Hormon. In dieser Studie unterschieden sich ihre Werte zwischen Nutzern und Nichtnutzern kaum.
Eine Beteiligung des Gehirns lässt sich dadurch nicht vollständig ausschliessen. Diese Hormone steigen und fallen in Schüben, weshalb eine einzelne Blutprobe wichtige Veränderungen übersehen könnte.
Derzeit weist der stärkste Hinweis weiterhin auf einen direkten Effekt in den Hoden hin.
Folgen für die männliche Fruchtbarkeit
Ein höherer Testosteronspiegel mag zunächst positiv klingen, doch die Studie belegt nicht, dass Cannabis die männliche Fruchtbarkeit verbessert.
Zwischen Hormonen und Fruchtbarkeit besteht kein einfacher Zusammenhang. Auch Samenqualität, Beweglichkeit der Spermien, Spermienzahl und Spermienfunktion sind entscheidend.
Die Veränderungen bei progesteronbezogenen Hormonen könnten relevant sein, weil Progesteron Spermien während der Befruchtung unterstützt.
Ob sich diese Hormonveränderungen im Alltag tatsächlich auf die Fruchtbarkeit auswirken, wissen die Forschenden jedoch noch nicht.
Cannabis und das Hormonsystem
Diese Studie verändert die Frage, die Forschende stellen müssen.
Statt nur zu fragen, ob Cannabis Testosteron senkt, können Forschende nun untersuchen, an welcher Stelle Cannabis das Hormonsystem beeinflusst und welche Signalwege sich verändern.
Die Antwort dieser Studie ist nicht eindeutig: Cannabisnutzer wiesen höhere testikuläre Androgene, unveränderte Nebennierenandrogene und starke Veränderungen bei zwei progesteronbezogenen Verbindungen auf.
Damit ist die Debatte nicht entschieden. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass die bisherige Erklärung zu einfach war.
Cannabis scheint männliche Hormone nicht nur in eine Richtung zu beeinflussen. Vielmehr hinterlässt es offenbar ein spezifischeres und messbares Muster, das die Wissenschaft erst jetzt zu verstehen beginnt.
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