Im Süden des japanischen Archipels erproben zwei Kommunen ein Verfahren, das den Umgang mit Millionen Tonnen Hygieneabfällen verändern könnte. Die Idee klingt zunächst kaum vorstellbar: gebrauchte Inkontinenzprodukte einsammeln, hygienisch aufbereiten und ihre Materialien anschliessend für neue Erzeugnisse derselben Art nutzen.
Inkontinenzprodukte für Erwachsene übertreffen inzwischen Babywindeln
In Japan ist dieses Thema besonders relevant. Das Land verzeichnet zugleich eine niedrige Geburtenrate und eine sehr schnell alternde Bevölkerung. Entsprechend steigt der Bedarf an Inkontinenzprodukten für ältere oder pflegebedürftige Menschen Jahr für Jahr.
Die Zahlen verdeutlichen diesen Wandel: 2024 stellten japanische Hersteller 9,6 Milliarden Inkontinenzprodukte für Erwachsene her, gegenüber 8 Milliarden Produkten für Babys. Noch vor wenigen Jahren war der Markt für Säuglinge klar führend. Diese Entwicklung zwingt Hersteller, Krankenhäuser, Pflegeheime und Kommunen dazu, ihre bisherigen Verfahren zu überdenken.
Japan könnte im Jahr 2030 jährlich 2,6 Millionen Tonnen verschmutzte Inkontinenzprodukte entsorgen, gegenüber rund 2,2 Millionen Tonnen im Jahr 2020.
Diese Abfälle werden häufig verbrannt oder auf Deponien entsorgt. Einweg-Inkontinenzprodukte bestehen jedoch aus mehreren Materialien: Zellulosefasern, Kunststofffolien, Elastikmaterial, Klebstoffen und flüssigkeitsbindenden Polymeren. Gerade diese Materialmischung macht die Sortierung und Verwertung besonders schwierig.
Mit zunehmenden Mengen befürchten einige Kommunen, dass ihre Entsorgungskapazitäten an ihre Grenzen stossen. Auch die Ausgaben für Transport, Sammlung und Verbrennung belasten die kommunalen Haushalte.
Pilotprojekt in zwei Kommunen in Kagoshima
Zwei Orte in der Präfektur Kagoshima testen derzeit eine Lösung des japanischen Herstellers Unicharm. Ihre Recyclingquote für diese Abfälle liegt bei 80 % und damit viermal höher als der für diesen Abfallstrom genannte nationale Durchschnitt.
Das Vorhaben beschränkt sich nicht darauf, gebrauchte Inkontinenzprodukte zu Erzeugnissen mit geringerem Wert weiterzuverarbeiten, etwa zu Papier oder Brennstoff. Der Anspruch ist weitergehend: Ein Teil des Materials, aus dem die Produkte hergestellt werden, soll zurückgewonnen und erneut in den Produktionskreislauf eingebracht werden.
Dieser Ansatz wird als Closed-Loop-Recycling bezeichnet. Er soll Rohstoffe schonen und zugleich die Menge der Rückstände verringern, die verbrannt werden müssen.
Streng kontrollierte Aufbereitungsschritte
Bevor die Materialien wiederverwendet werden können, durchlaufen die gesammelten Inkontinenzprodukte mehrere Verarbeitungsschritte. Zunächst werden sie zerkleinert, um ihre Bestandteile möglichst weitgehend voneinander zu trennen. Danach folgen Reinigung und Sortierung der Materialien.
- Der Zellstoff wird von den übrigen Bestandteilen getrennt.
- Die Kunststoffe werden gesondert behandelt.
- Superabsorbierende Materialien werden zurückgewonnen, sofern dies möglich ist.
- Der Zellstoff wird mit Ozon sterilisiert, gebleicht und desodoriert.
Zellstoff ist ein zentraler Werkstoff bei der Herstellung von Inkontinenzprodukten. Er unterstützt die Verteilung von Flüssigkeit und trägt zum Komfort des Produkts bei. Seine Aufbereitung muss daher strenge hygienische Anforderungen erfüllen. Ozon, ein Gas aus drei Sauerstoffatomen, dient in diesem Fall dazu, Gerüche und Mikroorganismen zu verringern, ohne zum Bleichen Chlor einzusetzen.
Die Neuheit liegt nicht allein im Zerkleinern der Abfälle, sondern in dem Ziel, den hygienisch aufbereiteten Zellstoff zur Herstellung neuer Inkontinenzprodukte erneut einzusetzen.
Noch begrenztes Verfahren, aber mit festem Zeitplan
Das Recycling von Inkontinenzprodukten ist nicht vollkommen neu. In mehreren Projekten werden zurückgewonnene Materialien bereits für Toilettenpapier oder andere Artikel verwendet. Die direkte Wiederverwendung von Bestandteilen in neuen Inkontinenzprodukten erfordert allerdings deutlich strengere Kontrollen.
Unicharm plant, das Verfahren auszuweiten. Bis 2028 will der Konzern auch Kunststoffe und absorbierende Materialien recyceln, um sie in die Produktion neuer Erzeugnisse einzubinden. Dieser Schritt ist entscheidend, denn ein Inkontinenzprodukt besteht nicht nur aus Zellstoff.
| Termin | Bekannt gegebenes Ziel |
|---|---|
| 2028 | Auch Kunststoffe und absorbierende Materialien verwerten |
| 2030 | Mindestens 100 Kommunen dazu anregen, diese Abfälle zu recyceln oder eine Diskussion darüber anzustossen |
Die japanische Regierung möchte, dass bis 2030 100 der mehr als 1.700 Gemeinden des Landes Massnahmen zu diesem Thema eingeleitet haben. Nicht alle werden umgehend über eine eigene Anlage verfügen. Manche könnten zunächst eine getrennte Sammlung organisieren oder die in Pflegeeinrichtungen anfallenden Mengen erfassen.
Die Herausforderung der getrennten Sammlung
Technologie allein wird nicht ausreichen. Damit Inkontinenzprodukte recycelt werden können, müssen sie unter geeigneten Bedingungen gesammelt werden. Medizinische Einrichtungen und Pflegeheime sind ein naheliegender Ausgangspunkt, da dort grosse und vergleichsweise einheitliche Mengen anfallen.
In Privathaushalten ist die Organisation komplizierter. Eine eigene Sammlung erfordert geeignete Behälter, zusätzliche Abholtouren und leicht verständliche Vorgaben für die Bevölkerung. Die Kommunen müssen zudem hygienische Bedenken ausräumen und verhindern, dass diese Abfälle mit anderen Materialien vermischt werden, die für die Aufbereitung ungeeignet sind.
Eine Frage, die über die Abfallentsorgung hinausgeht
Die Wiederverwendung von Zellstoff kann die Abhängigkeit von bestimmten Ressourcen verringern, insbesondere von aus Holz gewonnenem Zellstoff. Der tatsächliche Umweltnutzen hängt jedoch von mehreren Faktoren ab: der Entfernung zwischen Sammelorten und Anlage, dem Energieverbrauch der Reinigung, der Ozonbehandlung und der tatsächlich zurückgewonnenen Materialmenge.
Das Verfahren könnte ausserdem Verbrennungsanlagen in städtischen oder alternden Regionen entlasten, in denen Einweg-Inkontinenzprodukte einen wachsenden Anteil des Restmülls ausmachen. Das Projekt in Kagoshima dient damit als Praxistest unter realen Bedingungen. Es zeigt vor allem, dass ein Abfall, der lange als nicht verwertbar galt, zunehmend zu einem Material wird, das die Industrie erhalten möchte.
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