Über den Zusammenhang zwischen Zigarettenrauchen und Lungenkrebs wird längst nicht mehr gestritten. Unzählige Studien und jahrzehntelange Belege zeigen die eindeutige Verbindung; ernsthafte Gegenargumente gibt es nicht mehr.
Bei Marihuana war die Lage bislang anders. Die am häufigsten zitierten Arbeiten fanden selbst bei sehr starkem Konsum keinen messbaren Anstieg des Lungenkrebsrisikos.
Eine neue Auswertung von mehr als 118 Millionen amerikanischen Patientenakten macht diese Antwort nun komplizierter. Sie deutet darauf hin, dass intensiver Cannabiskonsum tiefe Spuren in den Atemwegen hinterlässt – und zwar andere, als frühere Untersuchungen vermuten ließen.
Cannabis mit Krebs in Verbindung bringen
Tyler J. Gallagher, Medizinkandidat an der Keck School of Medicine der University of Southern California (USC), leitete die Analyse gemeinsam mit Kollegen aus dem Keck-System. Das Team nutzte Daten zum Cannabiskonsum aus 67 großen US-Krankenhäusern.
Die Akten umfassten einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten und erfassten erwachsene Patienten, die zwischen Oktober 2004 und Oktober 2024 behandelt wurden.
Als Exposition galt eine Cannabiskonsumstörung – jene klinische Diagnose, die Ärzte vergeben, wenn Marihuanakonsum Arbeit, Gesundheit oder den Alltag beeinträchtigt.
Patienten mit dieser Diagnose wurden mit vergleichbaren Patienten ohne die Diagnose abgeglichen. Mithilfe eines statistischen Verfahrens glich das Team offensichtliche Ausgangsunterschiede aus, darunter Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit und weitere Faktoren. Anschließend wurde verfolgt, wer in den folgenden Jahren an Lungen- oder Bronchialkrebs erkrankte.
Dreifach erhöhtes Risiko
Das Ergebnis war deutlich: Bei Patienten mit dokumentierter Cannabiskonsumstörung wurde Lungenkrebs mehr als dreimal so häufig diagnostiziert wie in der Vergleichsgruppe.
Der Zusammenhang bestand auch, als das Team nur Krebserkrankungen berücksichtigte, die mindestens ein Jahr nach der Diagnose der Störung auftraten – und erneut bei einem Abstand von fünf Jahren. Die zeitliche Verzögerung erklärte die Verbindung nicht.
Keine frühere Studie hatte in einer so großen amerikanischen Patientengruppe einen ähnlich starken Befund geliefert. Bereits die Arbeit des Teams aus dem Jahr 2024 hatte täglichen Cannabiskonsum mit einem vergleichbaren drei- bis fünffach erhöhten Risiko für Kopf- und Halskrebs verknüpft.
Tabakkonsum herausgerechnet
Der naheliegende Einwand gegen jede Studie zu Cannabis und Krebs lautet Tabak. Viele starke Cannabiskonsumenten rauchen auch Zigaretten, und Zigaretten erhöhen das Lungenkrebsrisiko allein ungefähr um das 20-Fache.
Deshalb führten die Forschenden eine zusätzliche Prüfung durch. Sie schlossen alle Patienten aus, bei denen irgendein Nikotin- oder Tabakkonsum vermerkt war, und berechneten die Ergebnisse für die übrigen Fälle erneut.
Der Effekt blieb bestehen. Menschen mit Cannabiskonsumstörung ohne dokumentierten Tabakkonsum wiesen im Vergleich zu ihren abgeglichenen Kontrollpersonen weiterhin ein erhöhtes Risiko auf. Zwar erfassen Akten nicht jede Gewohnheit, doch das Ergebnis stärkt die Argumentation erheblich.
Drei Krebsarten bei Cannabiskonsum
Das Risiko beschränkte sich nicht auf eine einzige Tumorart. Eine ergänzende Analyse teilte die Fälle nach dem zellulären Merkmal auf, das Pathologen zur Klassifizierung von Krebs verwenden.
Adenokarzinome, die häufigste Form, traten vermehrt auf. Dasselbe galt für Plattenepithelkarzinome, die sich aus Zellen der Atemwegsinnenwand bilden. Auch kleinzellige Karzinome wurden festgestellt – eine aggressive Krebsform, die fast immer mit langfristigen Lungenschäden verbunden ist.
Diese Verteilung überraschte das Team. Ein Signal bei drei unterschiedlichen Zelltypen spricht dafür, dass sich im Gewebe der Atemwege etwas Grundlegendes abspielt, statt dass es sich um eine Besonderheit eines einzelnen Subtyps handelt.
Cannabisrauch im Vergleich zu Tabakrauch
Marihuanarauch und Tabakrauch haben chemisch mehr gemeinsam, als die meisten Konsumenten annehmen. Beide enthalten Kohlenmonoxid, Ammoniak und eine Stoffgruppe namens polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe.
Ältere Untersuchungen zu Cannabisrauch ergaben, dass der Ammoniakgehalt ungefähr zwanzigmal so hoch sein kann wie in Tabakrauch, während mehrere bekannte Karzinogene drei- bis fünfmal stärker konzentriert waren.
Auch THC, der Wirkstoff, der für den Marihuana-Rausch verantwortlich ist, könnte beteiligt sein. Laborstudien legen nahe, dass es Prozesse aktivieren kann, welche die Kohlenwasserstoffe in reaktivere und stärker krebserregende Formen umwandeln.
Gelangen diese Stoffe in das Lungengewebe, können sie bekanntermaßen Entzündungen auslösen und die DNA der Zellen schädigen, welche die Atemwege auskleiden. Wiederholt sich diese Belastung über Jahre, sind die chemischen Voraussetzungen für Tumoren gegeben.
Abhängigkeit als entscheidende Grenze
Ein wichtiger Vorbehalt fällt auf: Die Studie bestimmte ihre Cannabisgruppe über die klinische Diagnose einer Cannabiskonsumstörung. Die erfassten Personen gehörten damit zu den stärksten und abhängigsten dokumentierten Konsumenten.
Unbeantwortet bleibt damit die Frage nach gelegentlichem Konsum. Ob Menschen, die einmal im Monat oder nur einige Male im Jahr rauchen, demselben erhöhten Risiko ausgesetzt sind, ist offen.
„Mein Verdacht ist, dass das Risiko wahrscheinlich minimal ist“, sagte Brooks V. Udelsman, M.D., Mitautor der Studie.
Lungenkrebs, Cannabis und künftige Forschung
Über Jahrzehnte hinweg lieferten Untersuchungen zu Cannabis und Lungenkrebs widersprüchliche Ergebnisse. Mehrere ältere Studien mit starken Konsumenten stellten keinen messbaren Risikoanstieg fest, wodurch Marihuana in der öffentlichen Wahrnehmung als die sauberere Alternative gelten konnte.
Die neue Analyse ersetzt diese Arbeiten nicht. Sie steht neben ihnen, verfügt jedoch über deutlich mehr statistisches Gewicht und kommt zu einem anderen Schluss.
Bei abhängigem Konsum ist Marihuanarauch mit einem messbaren Krebsrisiko verbunden. Das Signal bleibt erhalten, nachdem Tabak herausgerechnet wurde – ein Befund, den die älteren Studien nie eindeutig klären konnten.
Für Ärzte stellt sich praktisch die Frage, wie sie starke Cannabiskonsumenten beraten und wann sie eine Untersuchung per Bildgebung veranlassen sollten. Als Nächstes muss geklärt werden, auf welche Weise Cannabisrauch Atemwegszellen in Richtung Krebsentwicklung treibt.
Eine separate Studie einer französischen Forschungsgruppe hat bereits gezeigt, dass Lungenkrebspatienten mit Cannabiskonsum tendenziell in jüngerem Alter diagnostiziert werden als Raucher, die ausschließlich Tabak konsumieren. Dies ist ein weiterer Ansatzpunkt für die kommende Forschung.
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