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Bezoare: Die echten Vorbilder aus Harry Potter

Holztisch mit altem Buch, geöffneter Samtbox mit Edelstein, Tablet, Mörser, Fläschchen und zeichnerischen Darstellungen.

Im ersten Harry-Potter-Roman versucht Professor Severus Snape, Harry blosszustellen, indem er ihn über Bezoare ausfragt. Nach Snapes Erklärung handelt es sich dabei um steinartige Gebilde im Magen einer Ziege, die gegen die meisten Gifte wirken können. Später in der Reihe rettet ein Bezoar dem vergifteten Ron Weasley das Leben.

Die Bezeichnung Bezoar stammt sowohl aus dem Persischen als auch aus dem Arabischen und bedeutet übersetzt „Gegenmittel“ beziehungsweise „gegen Gifte“ – vermutlich die Quelle von J. K. Rowlings Inspiration. Vielen Leserinnen und Lesern von Harry Potter dürfte jedoch nicht bewusst sein, dass Bezoare keineswegs bloss Rowlings Fantasie entspringen.

Tatsächlich können sie zwar in den Mägen von Ziegen und anderen Tieren vorkommen, doch auch Menschen können – wenn auch selten – Bezoare im Magen, Darm, in der Speiseröhre und sogar in der Luftröhre entwickeln.

Bezoare unterscheiden sich erheblich in Grösse und Gewicht. Im Juli 2024 wurde einer 24-jährigen Frau in Manabí, Ecuador, operativ ein rund 41 Zentimeter langes, etwa 0,9 Kilogramm schweres Haargebilde aus dem Magen entfernt. Im März 2024 entfernten Ärztinnen und Ärzte in Newcastle einer siebenjährigen Patientin einen etwa 15 Zentimeter grossen Haarballen aus dem Magen. Berichten zufolge nahm er 80 Prozent ihres Darms ein.

Bezoare wirken häufig steinartig und können aus jedem Material bestehen, das weder verdaut noch über die Darmwand aufgenommen wird. Dadurch sammelt sich das Material im Lumen, dem Hohlraum des Darms, an und wächst mit der Zeit.

Damit sich ein Bezoar bildet, müssen bestimmte Voraussetzungen zusammenkommen: Meist wird unverdauliches Material aufgenommen, während das Verdauungssystem nur langsam arbeitet. Dann kann der Körper das Material nicht ausreichend durch den Darm transportieren und mit dem Stuhl ausscheiden.

Arten von Bezoaren

Es gibt zahlreiche Arten von Bezoaren, die in der Regel nach ihrem jeweiligen Material eingeteilt werden. Dazu zählen etwa pflanzliche Phytobezoare, denn Pflanzenmaterial besteht zu grossen Teilen aus Zellulose – einer Verbindung, die Menschen nicht verdauen können.

Auch der Verzehr von Kakis kann Diospyrobezoare auslösen. Dabei handelt es sich um eine Untergruppe der Phytobezoare, die speziell durch übermässigen Konsum dieser Frucht entsteht. Kakis enthalten besonders viele Tannine, die ihnen vor allem im unreifen Zustand ihren bitteren Geschmack verleihen. Diese Tannine gelten als erhebliches Risiko für die Bildung von Bezoaren.

Auch viele andere Stoffe können Bezoare bilden. Fasern aus Obst und Gemüse, Milch, Medikamente und Gummi – etwa verschluckter Kaugummi – können im Magen eine unverdauliche Masse erzeugen. Ebenso kann das Schlucken anorganischer Materialien wie Papier, Styropor und Kunststoff Bezoare verursachen.

Besonders häufig wird dies mit Pica in Verbindung gebracht. Diese Erkrankung beschreibt das Verlangen nach ungeniessbaren Dingen oder Nahrungsmitteln ohne Nährwert und tritt am häufigsten bei schwangeren Frauen auf.

Nicht jeder Bezoar muss steinartig sein. Trichobezoare bestehen aus verschluckten Haaren, die sich im Körper ähnlich wie ein Haarballen bei einer Katze ansammeln können. Daraus kann das sogenannte Rapunzel-Syndrom entstehen, benannt nach der Märchenfigur: Über Jahre hinweg wächst der Bezoar durch wiederholtes Haarschlucken in Länge und Umfang.

Bei manchen Betroffenen ist eine Operation nötig, um ein weitreichendes Haarbüschel aus dem Darm zu entfernen, das Rapunzels langem Zopf ähneln soll.

Bezoare im Lauf der Geschichte

Steinartige Bezoare, die Tieren entnommen wurden, waren früher beliebte Sammlerstücke, vor allem weil ihnen eine heilende Wirkung bei Vergiftungen zugeschrieben wurde.

Wahrscheinlich wurden sie im Nahen Osten schon lange gesammelt, bevor sie im mittelalterlichen Europa auftauchten. In einer Zeit von Königen, Adligen und Kaufleuten, die oft fürchteten, durch Gift ermordet zu werden, galt es als Schutzmassnahme, einen Bezoar in das Trinkgefäss zu legen. Leider dürfte dies keinerlei Wirkung gehabt haben.

Trotzdem blieben Bezoare begehrte Kuriositäten. Einige wurden zu Schmuck verarbeitet oder als Teil einer Sammlung mit Gold und Edelsteinen verziert. In manchen medizinhistorischen Museen, darunter dem kürzlich renovierten Hunterian Museum in London, sind sie noch immer ausgestellt.

Bezoare heute

Wie viele andere steinartige Gebilde im Körper, etwa Gallensteine und Nierensteine, verursachen Bezoare möglicherweise keine Beschwerden, solange sie nicht in engere Bereiche gelangen und dort stecken bleiben. Sie können daher jahrelang unbemerkt bleiben.

Führen Bezoare jedoch zu Problemen wie Übelkeit, Bauchschmerzen und Erbrechen oder sogar zu Magengeschwüren beziehungsweise Blutungen, lassen sie sich auf verschiedene Weise entfernen. Ist der Bezoar klein genug, kann er per Endoskopie entfernt werden. Dabei wird ein mit einer Kamera ausgestattetes Instrument in den Verdauungstrakt eingeführt, um den Stein herauszuholen. Grössere Bezoare müssen unter Umständen operiert werden.

Eine nicht invasive Behandlungsmethode für bestimmte Bezoare, darunter Kaki-Steine, besteht darin, sie mit Salzlösungen, Enzympräparaten und überraschenderweise Cola aufzulösen.

Wie wirksam diese Auflösung von Bezoaren tatsächlich ist, ist medizinisch allerdings noch nicht abschliessend geklärt. Noch beunruhigender ist die Frage: Wenn solche Behandlungen möglicherweise einen Stein auflösen können, was richten sie dann womöglich im Magen an?

Wenn Sie zu Bezoaren neigen oder sich Sorgen machen, einen zu entwickeln, sollten Sie Lebensmittel mit höherem Risiko wie Kakis, Sellerie, Kürbis, Backpflaumen und Sonnenblumenkernschalen meiden. Kauen Sie Nahrung vor dem Schlucken gründlich. Vermeiden Sie es zudem, unverdauliche Nichtlebensmittel wie Haare zu schlucken, und holen Sie ärztlichen Rat ein, wenn Sie wegen Pica besorgt sind.

Dan Baumgardt, leitender Dozent, School of Physiology, Pharmacology and Neuroscience, University of Bristol

Dieser Artikel wird unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.

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