Cranberrysaft und Antibiotikaresistenz
Cranberrysaft verdient mehr als den Ruf eines Hausmittels: Zwar beugt er Harnwegsinfektionen nicht vor, könnte aber die Abwehrmechanismen von Bakterien gegen sie selbst richten.
Bei Frauen zählen Harnwegsinfektionen zu den häufigsten bakteriellen Infektionen. Schätzungen zufolge erkrankt mehr als jede zweite Frau im Laufe ihres Lebens mindestens einmal daran. In 85 % der Fälle werden Blasenentzündungen – die häufigste Form – durch das Bakterium Escherichia coli (E. coli) ausgelöst, das die Blase besiedelt. Obwohl Blasenentzündungen meist harmlos verlaufen, sind sie oft sehr schmerzhaft. Glücklicherweise lassen sie sich in der Regel recht einfach mit Antibiotika behandeln. Diese gelten als Standardtherapie, doch das Bakterium hat durch die wiederholte Exposition gegenüber den eingesetzten Wirkstoffen Resistenzen entwickelt.
Antibiotikaresistenz ist ein Phänomen, dem die WHO grosse Bedeutung beimisst, weil es in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen hat. Um seine Ausbreitung einzudämmen, sucht die Medizin heute nach ergänzenden Lösungen – darunter Cranberrysaft. Vielleicht haben Sie ihn nach einer Blasenentzündung bereits auf Rat einer nahestehenden Person getrunken, ohne den Grund für diese Empfehlung genauer zu hinterfragen. Einer kürzlich in der Fachzeitschrift Applied and Environmental Microbiology veröffentlichten Studie zufolge könnte dieses Lebensmittel eine ausgezeichnete unterstützende Wirkung entfalten und zugleich die Resistenz des Stamms E. coli gegenüber der Antibiotikabehandlung begrenzen.
Harnwegsinfektionen: E. coli wird mit den eigenen Waffen geschlagen
Zu diesem Ergebnis kamen die Forschenden, indem sie 32 im Labor gezüchtete E.-coli-Stämme Cranberrysaft in Kombination mit Fosfomycin aussetzten. Dieses Antibiotikum wird bei Blasenentzündungen am häufigsten verordnet. Es hemmt die Bildung der Zellwand der in der Blase vorhandenen Bakterien, anstatt ihre Vermehrung zu verhindern. Bei 72 % der getesteten Stämme verstärkte der Saft die Wirkung von Fosfomycin und verzögerte gleichzeitig das Auftreten von Mutationen, welche dessen Wirkung normalerweise aufheben.
Der biologische Ablauf ist zwar noch nicht vollständig aufgeklärt, doch das Team stellte fest, dass einer der Inhaltsstoffe des Safts die Aufnahme von Zucker durch die Bakterien anregt. Fosfomycin nutzt genau dieselben Transportkanäle, um die bakterielle Zellwand anzugreifen. Stämme, die Cranberry ausgesetzt waren, lassen somit eine grössere Menge des Arzneimittels in die Zelle gelangen.
Cranberry-Ergänzungen ersetzen keine Behandlung
Die Forschenden vermuten, dass zwei natürlich in Cranberry enthaltene Stoffe diesen Effekt verursachen: Proanthocyanidine – pflanzliche Polyphenole mit antibakteriellen Eigenschaften – und Fruktose. Beide wurden bereits damit in Verbindung gebracht, dass Bakterien schlechter an der Schleimhaut der inneren Harnwege haften.
Bevor Sie Ihre Antibiotika wegwerfen, sollte klar sein, dass die Autorinnen und Autoren Cranberrysaft keinesfalls als Ersatz darstellen. Erstens kann er je nach Marke viel Zucker enthalten, was die Infektion verschlimmern statt bekämpfen könnte. Zweitens sind die zuvor genannten Wirkstoffe in unterschiedlichen Mengen enthalten. Eine wirksame Alternative sind Cranberry-Nahrungsergänzungsmittel, insbesondere Produkte mit D-Mannose. Dabei handelt es sich um einen Einfachzucker, der die Anhaftung von Bakterien einschränkt. Auch sie dürfen nicht als heilende Behandlung betrachtet werden: Wie ihr Name sagt, sind sie Nahrungsergänzungsmittel. Ihr tatsächlicher Nutzen wird erst nach klinischen Studien mit Patientinnen und Patienten bestätigt werden können, um die in vitro erzielten Ergebnisse statistisch zu validieren.
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