Nach Jahrzehnten der Stigmatisierung untersuchen Forschende Cannabis und seine Inhaltsstoffe heute intensiver denn je.
Da Vorschriften und Einschränkungen in vielen Regionen der Welt, darunter auch in den USA, gelockert werden, steht diese umstrittene Pflanze mit ihren seit Langem überlieferten Gesundheitsversprechen endlich auf dem wissenschaftlichen Prüfstand.
Seit Jahren beobachten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass manche Menschen, die Cannabis konsumieren, im Vergleich zu Nichtkonsumierenden häufig ein geringeres Körpergewicht aufweisen und seltener an Typ-2-Diabetes erkranken.
Das wirkt zunächst widersprüchlich: Cannabis ist dafür bekannt, den sogenannten „Fressflash“ auszulösen, also einen verstärkten Appetit auf Nahrung.
Forschende der University of California, Riverside (UCR) glauben nun, eine Erklärung für dieses Paradox gefunden zu haben.
Cannabis, THC und die Gewichtsentwicklung
In Laborexperimenten setzten die Forschenden erwachsene fettleibige Mäuse über längere Zeit entweder reinem THC – dem wichtigsten psychoaktiven Inhaltsstoff von Cannabis – oder einem Vollpflanzenextrakt mit demselben THC-Gehalt aus.
THC wirkt psychoaktiv, weil es das zentrale Nervensystem beeinflusst. Es gilt als jener Stoff, der den „Fressflash“ verursacht, indem er dem Gehirn ein Hungergefühl vermittelt.
Die Mäuse erhielten 60 Tage lang eine fettreiche und zuckerhaltige Ernährung nach westlichem Muster. Mit der THC-Behandlung wurde 30 Tage nach Beginn dieser Diät begonnen.
Sobald Cannabis verabreicht wurde, verloren beide mit THC behandelten Mausgruppen Gewicht. Die unbehandelten Tiere nahmen dagegen weiterhin zu.
Am Ende des Versuchs wiesen die behandelten Mäuse zudem einen geringeren Körperfettanteil auf als Mäuse mit westlicher Ernährung, die kein Cannabis erhalten hatten – obwohl die Nahrungsaufnahme vergleichbar war.
Ausschließlich bei den Mäusen, die den Vollpflanzenextrakt bekamen, zeigten sich jedoch deutliche Veränderungen des Stoffwechsels, darunter eine verbesserte Glukosetoleranz.
Reines THC allein erzielte diesen Effekt nicht.
„Dies deutet darauf hin, dass THC allein nicht für die mit Cannabiskonsum verbundenen Stoffwechselvorteile verantwortlich ist“, sagt der biomedizinische Wissenschaftler Nicholas DiPatrizio, Leiter des UCR Center for Cannabinoid Research.
„Andere Inhaltsstoffe der Pflanze scheinen eine entscheidende Rolle zu spielen.“
Anders gesagt: THC könnte zwar ein stärkeres Hungergefühl hervorrufen, doch die Ergebnisse bei Mäusen sprechen dafür, dass andere Pflanzenstoffe gezielt den Glukosestoffwechsel beeinflussen könnten.
DiPatrizio betont ausdrücklich, dass Menschen Cannabis nicht zur Gewichtskontrolle oder zur Behandlung von Diabetes einsetzen sollten. Für eine solche Empfehlung fehlen bislang klinische Belege.
Dennoch sollten „Kliniker, Forschende und politische Entscheidungsträger aufmerksam bleiben und dieses Feld verfolgen“, so DiPatrizio.
Cannabisforschung und weitere Pflanzenstoffe
Es gibt noch sehr viel zu erforschen, und jedes Jahr werden Tausende neue Studien veröffentlicht.
Die Cannabisforschung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich beschleunigt. Einer begutachteten Analyse zufolge stieg die Zahl der in PubMed gelisteten Cannabis-Veröffentlichungen zwischen 2000 und 2017 um das 4,5-Fache; die Zahl der Publikationen zu medizinischem Cannabis nahm nahezu um das 9-Fache zu.
Die gesamte Cannabispflanze enthält Hunderte unterschiedliche Cannabinoide, Terpene, Flavonoide und weitere Phytochemikalien, die medizinische Eigenschaften besitzen könnten.
Möglicherweise wirken diese Stoffe sogar zusammen, um bestimmte Effekte hervorzubringen. Dennoch werden sie häufig einzeln untersucht.
Der Grossteil der bisherigen Forschung konzentrierte sich auf zwei Hauptsubstanzen: THC und CBD. Andere Verbindungen wie CBG zeigen jedoch ebenfalls grosses Potenzial und stehen vor klinischen Studien.
Da dieses Forschungsgebiet noch vergleichsweise jung ist, sollten neu auftauchende Daten mit Vorsicht interpretiert werden.
„Die Aufschlüsselung des relativen Beitrags einzelner Phytocannabinoide wird eine wichtige Richtung für künftige Studien sein“, argumentieren die UCR-Forschenden.
„Die chemische Zusammensetzung verschiedener Cannabissorten könnte unterschiedliche Auswirkungen auf Stoffwechselparameter haben.“
CBG und mögliche Auswirkungen auf den Stoffwechsel
Bei fettleibigen Mäusen haben einige neuere Studien beispielsweise ergeben, dass CBG (Cannabigerol), das mitunter als „Mutter aller Cannabinoide“ bezeichnet wird, die Blutzuckerkontrolle verbessern, Leberfett verringern und Blutfettwerte senken kann.
Darüber hinaus scheint CBG diese Stoffwechseleffekte fast vollständig ausserhalb der klassischen Cannabinoidrezeptoren in Leber und Darm zu erzielen.
Möglicherweise existiert also ein weiterer, bislang unentdeckter Mechanismus, über den diese Substanzen die Gesundheit von Säugetieren beeinflussen.
Die Folgen müssen allerdings nicht immer positiv sein. Erfolgt die Cannabisexposition beispielsweise sehr früh im Leben, könnte sie die natürliche Fettspeicherung des Körpers auf riskante Weise beeinträchtigen.
Das könnte erklären, warum Nagetiernachwuchs nach einer THC-Exposition ein geringeres Geburtsgewicht aufweist.
„Wir brauchen evidenzbasierte Ansätze, um sowohl die Risiken als auch die potenziellen Vorteile von Cannabis und seinen Bestandteilen vollständig zu verstehen“, sagt DiPatrizio.
Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Journal für Physiologie veröffentlicht.
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